Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der EKHN zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular und auf facebook sind wir offen für Ihre Anregungen.

Menümobile menu

Schlüsselmusik

Mut zur Bescheidenheit

Die Orgel ist nicht von gestern, sondern lebendig wie eh und je

von Andreas Fischer, Dirigent und Kirchenmusiker

© GettyImages / Alex Potemkin

In zeitzeichen 6/2018 plädierte Daniel Stickan unter dem Titel „Mehr Mut zur Freiheit“ für eine „neue Kirchenmusik“, die ganz Neues von der Orgel erfordere. Dagegen hält der Dirigent und Kirchenmusiker Andreas Fischer, der seit 1994 Kantor und Organist der Hauptkirche Sankt Katharinen in Hamburg ist. Prägend ist dort die Hamburger „Stiftung Johann Sebastian“, die sich der Förderung der Orgelmusik und der Musik Johann Sebastian Bachs verschrieben hat.

Daniel Stickan zeichnet ein düsteres Bild der gegenwärtigen Orgelszene: „Kulturideologen“ seien am Werk, die durch ihren „rückwärtsgewandten Habitus“ den Anschluss an die Gegenwart verpassten und damit den Weg in die Zukunft versperrten. Die Orgel habe deshalb ein „Popularitätsproblem“, es mangele ihr an Nachwuchs. Die Lösung sei „weniger Ideologie – mehr Experiment“, vor allem eine stärkere Öffnung für Pop und Jazz. Als Kirchenmusiker bedürfen meiner Meinung nach vor allem drei Kernaussagen Stickans einer differenzierteren Betrachtungsweise:

Erstens: Die Orgel habe ein Popularitätsproblem. Zweitens: Die Orgelszene betreibe eine bewusste Abgrenzung von Zeitgenössischem, Weltlichem und Populärem. Und Drittens: Eine stärkere Berücksichtigung von Gegenwartskultur, insbesondere Pop und Jazz, erhöhe die Akzeptanz der Orgel.

Die Orgel hat sich ein Publikum erhalten

Dagegen ist zu sagen: Schon in den Siebzigerjahren waren Orgelkonzerte keine Massenveranstaltungen. Seitdem ist das Angebot quantitativ und qualitativ deutlich gewachsen. Die Alte-Musik-Bewegung hat eine enorme Qualitätsdynamik in Orgelbau und Orgelausbildung gebracht. Die Orgel hat sich nach meiner Beobachtung – entgegen spürbarer Trends von Entkirchlichung – ein Publikum erhalten, das eingedenk des gewachsenen Angebotes eher mehr als weniger geworden ist. Und es wächst weiter.

Auf internationalen Musikfestivals werden inzwischen wieder Orgelkonzertreihen programmiert, Radiosendungen befassen sich mit dem Instrument, neue Konzertsaalorgeln entstehen, und immer öfter werden sie auch mit eigenen Organisten und eigenen Konzertreihen ausgestattet. Millionen werden für Orgelbauprojekte gespendet, zahllose internationale Wettbewerbe widmen sich dem Instrument. Die Musik Johann Sebastian Bachs, die für die Orgel schlechthin steht, ist heute weltweit so präsent, wie die keines anderen Komponisten jemals. In fast allen größeren Städten gibt es heute Orgelkonzertreihen, die sich zumeist als Kooperation der Innenstadtkirchen großer Beliebtheit erfreuen. Der Trend zu Stellenreduzierungen in der Kirche scheint gestoppt. Damit dürften auch die Nachwuchszahlen wieder nach oben gehen. Die Ernennung der deutschen Orgelkultur zum immateriellen unesco-Weltkulturerbe hat dieser Realität kürzlich auf allerhöchster Ebene Rechnung getragen.

Gleichzeitig mit den strukturellen Entwicklungen in der Orgelszene hat sich auch in inhaltlicher Hinsicht eine Öffnung vollzogen. Die seit über vierzig Jahren immer wieder geforderte Popularisierung von Kultur und Musik in der Kirche wird heute weiträumig praktiziert. Popkantoren werden ausgebildet, Gospelchöre sind ebenso allgegenwärtig wie Jazzkirchen und Bluesgottesdienste. Jazz und Pop auf der Orgel sind überhaupt keine Seltenheit mehr. Und Musiker wie Cameron Carpenter inszenieren sich auf
der Orgel wie Popstars.

Wer heute in ein Orgelkonzert geht, wird mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit irgendeine Bearbeitung aus Oper, Operette oder Sinfonie, vielleicht sogar eine Improvisation über einen Publikumswunsch, gerne auch einen Pop-Song, zu hören bekommen. „Weltliches“ auf der Orgel ist heute so üblich, dass es als solches kaum noch auffällt, geschweige denn Anlass zu Missbilligung gibt.

Moderne Musik

Eindrucksvoll ist die Vitalität der deutschen Orgelszene, die es sich offenbar leisten kann, moderne Musik ausgiebig zu pflegen, ohne dass ihr das Publikum abhanden kommt. Sich auf Pop oder Jazz-Formate auf der Orgel zu verlegen, nur um mehr Publikum zu gewinnen, ist aus meiner Sicht daher weder nötig, noch sinnvoll. Ich habe nicht den Eindruck, dass dort, wo das versucht wird, sich Orgelkonzerte einer nachhaltig größeren Beliebtheit erfreuen. Eher scheint mir, dass dort, wo man sich  ganz auf populäre Musikstile beschränkt (etwa in Freikirchen und evangelikalen Gemeinden), die Orgel gar keine Rolle mehr spielt. Wenn man populäre Musizierweisen auf die Orgel überträgt, sollte dies aus künstlerischen Gründen geschehen. Wenn diese Ergebnisse überzeugen, werden sie sich auch durchsetzen.

Stickans Frage „Welche Rolle spielt die Orgel überhaupt noch in der Musik der Gegenwart? Wie kommt sie vor in der zeitgenössischen Klassik, dem Jazz, dem Rock und der Popmusik?“ empfinde ich zudem als Engführung. Wo bleiben die anderen Musikfarben, die doch ebenso Teil unserer Gegenwartskultur sind? Zeitgenössische Klassik, Pop, Rock und Jazz sind nur ein Teil unserer Gegenwartskultur. Sie können nicht für sich in Anspruch nehmen, gegenwärtiger zu sein als andere Musizierweisen – weder in gesellschaftlicher, noch in künstlerischer Hinsicht. Der unvoreingenommene Blick auf die Gegenwartskultur zeigt doch vor allem: Sie ist vielfältig wie kaum je zuvor. Allein die so genannte Klassikszene reicht von der immer noch höchst lebendigen Alte-Musik-Bewegung bis hin zu avantgardistischen Gruppierungen mit äußerst experimentellen Ansätzen.

Hinzu kommen Weltmusik und andere Musikrichtungen. Ein Blick in das Programmbuch der neuen Hamburger Elbphilharmonie offenbart die enorme Bandbreite heutiger musikalischer Erscheinungsformen, in der auch die Orgel einen prominenten Platz einnimmt. All dies ist Gegenwartskultur. Dass angesichts einer solchen Vielfalt manches ein Nischendasein führt, anderes mehr die breite Masse erreicht, liegt in der Natur der Sache und ist eher Ausweis der Lebendigkeit als der Verarmung unseres Musiklebens. Gegenwärtigkeit lediglich an Klick- und Userzahlen festzumachen wäre gerade für das kulturelle Leben ein Armutszeugnis.

Betrachtet man die künstlerische Seite, so kann Gegenwärtigkeit ohnehin nur einer sehr überschaubaren Avantgarde zugesprochen werden, die wirklich bestrebt ist, radikal neue musikalische Ausdrucksbereiche zu erschließen. Die Popkultur gehört im Allgemeinen noch weniger zu dieser Avantgarde, als die, die aus der Klassikszene hervorgeht, greift sie doch oft auf bekanntes und erprobtes musikalisches Vokabular zurück, was ja auch die Allgemeinverständlichkeit und breite Rezeption erst ermöglicht. Dies ist nicht als Kritik gemeint, aber als Einwand gegen einen überzogenen Anspruch dieser Szene auf Gegenwärtigkeit.

Ein Umfeld für Experimente

Der Aufruf zu „weniger Ideologie – mehr Experiment“ fällt dann leicht, wenn man selbst nicht in einer kirchenmusikalischen Verantwortung steht. Kirchenmusik muss über größere Strecken funktionieren: Menschen in allen Altersgruppen müssen langfristig an Chöre und Gruppen gebunden, ein vielschichtiges Publikum aufgebaut und unterschiedlichste Gottesdienstformate bespielt werden. Strukturen müssen geschaffen und unterhalten werden. Da kann einem schnell die Puste ausgehen, wenn man sich zu sehr auf eine Musizierhaltung verlegt und im Experimentieren gefällt. Experimente sind gut und wichtig, brauchen aber auch ein stabiles Umfeld. Dieses zu bespielen hat nichts mit Ideologie zu tun.

Zu kirchenmusikalischer Verantwortung gehört es im Übrigen auch, Brautpaare bei der Auswahl geeigneter Musik für ihre Trauung zu unterstützen, sie mit den spezifischen musikalischen Möglichkeiten des betreffenden Kirchraumes vertraut zu machen. Bisweilen gehört es auch dazu, deutlich zu machen, dass Kirche kein Hochzeitsdienstleister ist, sondern die Trauung ein Gottesdienst einer Gemeinde, die eigene Vorstellungen von Liturgie mitbringt. Bislang habe ich in meiner beruflichen Praxis noch nicht erlebt, dass Wünsche der Brautleute mit diesen Vorstellungen nicht in Einklang zu bringen waren. Auch eine „Anweisung für Brautpaare“ ist mir noch nicht begegnet.

Was folgt daraus? Kirche ist gut beraten, künstlerische Vielfalt in ihrem Wirkungsbereich lebendig zu halten. Die Integration populärer Musikstile sollte künstlerisch motiviert sein und frei gehalten werden vom Schielen nach höheren Einschaltquoten. Die Erwartungen, die man in den letzten Jahrzehnten daran geknüpft hat, haben sich ohnehin nicht erfüllt: Kirche hat in dieser Zeit weder mehr Menschen erreicht, noch dauerhaft an sich gebunden. Die einfache Gleichung der Achtzigerjahre: mehr Popularisierung ist gleich mehr gesellschaftliche Relevanz sollte nicht unhinterfragt für die nächsten vierzig Jahre fortgeschrieben, sondern angesichts des gewonnenen Erfahrungshorizontes neu diskutiert werden.

Vielfalt erfordert eine gut organisierte Ausdifferenzierung. Die Erfahrung lehrt, dass sich unterschiedliche Hörgewohnheiten nicht so ohne weiteres miteinander verbinden lassen. Wo kirchenmusikalische Arbeit auf hohem Niveau und jenseits von Popularisierungszwängen gut funktioniert, sollten diese Profile gestärkt werden. In einem solchen Umfeld ist es möglich, Zuhörer für die Orgel und für neue Musik zu gewinnen, die diesen Namen verdient und nicht nur Hörgewohnheiten bedient. Wo hingegen populäre Musizierformen gut funktionieren, können diese gestärkt werden.

Vielfalt erfordert auch einen respektvollen Umgang miteinander. Dazu gehört auch der Verzicht auf unangemessene Inanspruchnahmen der eigenen Musizierformen für Gegenwart und Zukunft oder einseitige Vereinnahmungen wie etwa die, der Jazz überwinde kulturelle Grenzen und sei „eine Spielhaltung der Freiheit“. Bestimmt ist er das, aber andere Musizierweisen doch auch! Der Aufruf „Mehr Mut zur Freiheit“ wirkt ein wenig schulmeisterlich: Wer muss denn hier durch wen und von was befreit werden?

Üben wir uns in Bescheidenheit. Jeder gebe sein Bestes, ohne sich über andere zu stellen. Sich zum Propheten einer „neuen Kirchenmusik“ zu machen, um andere alt aussehen zu lassen, ist vielleicht eine doch etwas zu vollmundige Selbstinszenierung. Zumal, wenn dieses angeblich Neue bei näherer Betrachtung so neu gar nicht ist.

Vermeiden wir Glorifizierungen der Vergangenheit ebenso wie unangemessene Inanspruchnahmen der Gegenwart und falsche Versprechungen auf die Zukunft. Die Suche nach dem Zeitlosen ist, was Kirche braucht

Diese Seite:Download PDFDrucken

Information

Stiftung Johann Sebastian, Hamburg

Zur Website

Der Menschensohn muss erhöht werden,
damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

to top